Andacht Newsletter September 2026

Jakob und die Himmelsleiter

„Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ (1. Mose 28,15b)

Alles in den Sand gesetzt? Jakob ist auf der Flucht, hier in der Wüste, allein, in der Nacht. Er legt sich zum Schlafen nieder, ein steiniges Bett, ein hartes Kopfkissen. Da kann man sein Leben überdenken, seine Lebensgeschichte:

Schon vor der Geburt ihrer Zwillingssöhne hatte sich seine Mutter Rebekka von Gott sagen lassen, dass der Ältere dem Jüngeren dienen würde – verkehrte Welt?! Erwachsen geworden, handelte Jakob – Rebekkas Liebling – seinem Bruder Esau das Recht der Erstgeburt für ein Linsengericht ab. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Mutter erschlich Jakob sich dann auch noch den Segen der Erstgeburt bei seinem Vater Isaak. Für Esau, den Erstgeborenen, blieb nur ein karger Segen übrig, aber wenigstens eine Lebenszusage: „… Von deinem Schwert wirst du dich nähren…“ Aber Gram fraß in Esau, dass er den Plan fasste, seinen Bruder nach dem Tod des Vaters zu töten. Das wurde Rebekka zugetragen; wieder wurde sie aktiv und schickte ihren Liebling los – dieses Mal zu ihrem Bruder Laban nach Haran, wo er sich eine Frau nehmen sollte. Sie wollte Jakob in Sicherheit wissen und spannte Isaak für ihre Pläne ein. Er spendete Jakob den (Reise-)Segen, Worte der Verheißung, die Gott seinerzeit schon dem Abraham zugesprochen hatte. Jakob brach auf; er floh vor dem Zorn des Bruders. Er trennte die Familienbande, auch die zur Mutter.

Es ist eine lange einsame Reise von Beersheba im Südland nach Haran im Zweistromland! Jakob ist auf sich gestellt; er lässt sein bisheriges Leben hinter sich. Kann er seine Geschichte hinter sich lassen?
Die Dunkelheit der Nacht umfängt Jakob. Er sinkt in das andere Reich und die Seele übernimmt das Regiment; sie lässt Gedanken zu oder räumt sie ab. „Ihm träumte“ heißt es, und Jakob kann sich am nächsten Morgen an seinen Traum erinnern: Eine Leiter reicht von der Erde bis in den Himmel, Engel steigen auf ihr hoch und nieder und Gott steht oben – und spricht zu Jakob, begibt sich durch sein Wort zu ihm:

„Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und ich will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ (1. Mose 28,13-15, Lutherbibel 2017)

Diese Worte sind seit Generationen in Jakobs Familie erzählt worden. Nun gelten sie ihm ganz persönlich, mit der Zusicherung „...ich will dich nicht verlassen…“, obwohl Jakob so viele „krumme“ Wege gegangen ist. Mit dieser Zuwendung beginnt Jakobs eigene Gottesbeziehung. Er sieht den Himmel offen; Gott selbst erscheint. (Später wird Jesus sagen: „Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und hinabfahren über dem Menschensohn.“)

Jakob erschrickt über seinen Traum, über die Begegnung mit Gott, dass er Gott so nahe war. Er erwählt diesen Ort zu einem heiligen Ort. Den Stein, auf dem er gelegen hat, richtet er auf zu einem Steinmal, gießt Öl darauf und gibt dem Ort in Kanaan den neuem Namen Beth El, das heißt „Haus Gottes“. Er legt ein Gelübde ab: „Wird Gott mit mir sein… so soll der Herr mein Gott sein.“ Er will an diesem Ort einen Tempel bauen und den Zehnten für dieses Heiligtum geben. Damit markiert Jakob den Beginn seines Glaubenslebens; er hat sich von der Familie, von der umsichtig-fürsorglichen Mutter gelöst. Jetzt konnte ihn der Traum erreichen, denn „Niemand träumt, was ihn nichts angeht“ (Hermann Hesse). Er vertraut auf Gottes Zusage: „Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“

Auch wir können unsere Gottesbeziehung nicht machen, nicht verdienen. Sie geschieht uns – auch in unserem manchmal verworrenen Leben; wir können sie ergreifen. Gott sagt uns seine Treue zu, wie er sie Jakob zugesagt hat. Seine Zeichen treffen auch uns unvermutet, in Träumen, Momenten, Begegnungen, Sätzen. Lassen wir die Traumbilder wirken. Sammeln wir die Steinzeichen unseres Glaubens. Vielleicht werden wir manchmal sagen können: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte!“

Katrin Weber
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

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