Andacht Newsletter Oktober 2026

Vom Sinn und Deuten der Träume

Nebukadnezar: „Mein Befehl erging, alle Weisen Babels vor mich zu bringen, damit sie mir die Deutung des Traums sagten.“ (Daniel 4,3)
„Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, wacht auf“. (C. G. Jung)

Träume sind ein besonderer Weg, uns selbst auf die Spur zu kommen. In Traumwelten ist alles möglich, schwerelos und wandelbar können wir uns in jeder nur denkbaren Situation wiederfinden. Träume sind schwer zu fassen, nicht zuletzt, weil die Erinnerung an sie uns oft nur wenige Momente nach dem Aufwachen zur Verfügung steht und über den Tag rapide verblasst.

Sigmund Freud, der im Jahr 1900 seine erste Traumdeutung veröffentlichte – und damit die Psychoanalyse begründete – war nicht der erste, der sich auf dieses unsichere Terrain einließ. Für ihn waren Träume nicht einfach nur Zuckungen des Körpers ohne Sinn, wie seine Zeitgenossen dachten. Bald kam zutage, hinter jedem Traum einen unerfüllten (sexuellen) Wunsch zu vermuten. Für Carl Gustav Jung war dies zu kurz gesprungen. Auch er befasste sich intensiv mit Träumen und ihrer Deutung und hat jährlich ein Material von 1500 bis 2000 Träumen bearbeitet, wie er selbst schreibt. Er wunderte sich über archetypische Trauminhalte, mythologische Motive, die weltweit und fast kulturunabhängig auftauchen, bezieht also neben dem persönlichen auch ein kollektives Unbewusstes in seine Überlegungen ein. Und er hielt auch die prophetische Kraft von Träumen, also die biblische Traumdeutungsvariante, für nachweisbar. So erzählt er von einem Kollegen, der geträumt habe, bei einer Bergtour oben auf dem Gipfel angekommen zu sein und dann noch weiter aufzusteigen in die Luft, in den Weltraum weiter nach oben zu wandeln – um dann in ekstatischem Gefühl aufzuwachen. Ungeachtet der Warnung des Traumdeuters, macht er sich später tatsächlich wieder auf zu einer Bergtour, stürzt ab und stirbt.

Biblische Träume sind immer als solche Hinweise des Höchsten verstanden, die einem Menschen weiterhelfen wollen, wenn sie denn in ihrem prophetischen Wesen begriffen werden.

Die Nachtseite unseres Bewusstseins ragt in unser Tagleben, zuweilen, so darf man annehmen, auch mit lenkender Kraft.

Was wäre aus Maria geworden, wenn Josef im Traum nicht den Hinweis des Engels erhalten hätte, um Himmels willen bei der Frau zu bleiben, die nun ohne seine Beteiligung schwanger geworden ist? Einen Erlöser konnte nur eine Erniedrigte (Lk 1,48) gebären, die über ihre Erhöhung staunt. Der Evangelist Lukas lässt sie ein Lied davon singen – das Magnifikat. Und wir singen mit von der Umwertung aller Werte und ziehen daraus Kraft für unser eigenes Leben.

Was wäre aus Nebukadnezar geworden, wenn er zu seiner Zeit auf einen Traumdeuter wie Daniel gehört hätte (Buch Daniel 4)? Sein überbordendes, unrealistisches Selbstverständnis vom allmächtigen Herrscher wäre wieder auf ein vernünftiges Maß geschrumpft. Er hätte in Demut begriffen, dass alles, was er ist, eine Gabe Gottes ist und nicht etwa das Ergebnis seines eigenen Vermögens. Mit dieser Einsicht in die eigenen Grenzen hätte er zu einem weisen Herrscher werden können. Wir wünschen diese Einsicht auch den umschmeichelten Despoten unserer Zeit.

Der Traum hat eine ausbalancierende Funktion, meint C. G. Jung.

Wo das Pendel im realen Leben zu sehr nach der einen Seite ausschlägt, setzt das Unbewusste beim Gegenpol ein. Der moralisch Unanfechtbare kann durchaus unmoralische Träume haben. Es ist charakteristisch, wenn der heilige Augustin froh war, für seine Träume nicht verantwortlich zu sein. Um zu einem realistischen Selbstbild zu kommen und handlungsfähig zu bleiben, brauchen wir dieses Ausbalancieren von Bewusstem und Unbewusstem, von Verstand und Gefühl, ja auch von wissenschaftlicher Analyse und Intuition, von Hingabe und Selbstsorge.

Es ist spannend, die eigenen Träume im Blick auf diese Traumfunktion zu betrachten. Ein Traumtagebuch hilft, in die vage Welt des Unbewussten etwas tiefer einzudringen und vielleicht sogar Botschaften wahrzunehmen, die im Bereich des Bewusstseins Bedeutung bekommen. Das Reich der Träume ist ein weiter Erfahrungsraum, dem wir uns öffnen können. Wir werden mehr über uns erfahren, wenn wir unsere Träume in Traumgruppen teilen und uns mit Deutungsvarianten beschenken lassen.

Wer bin ich? Wer könnte ich sein? Was steht für mich an? Im Traum kann ich mich zu Antworten führen lassen.

Dagmar Gruß
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

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