Es wird langsam Frühling. Selbst hier, mitten in der Stadt, wird es sichtbar. Und hier sitze ich. Nicht im Café, nicht auf dem Balkon. Nein, wieder einmal sitze ich an einem mit Arbeit angefüllten, chaotischen Schreibtisch – und mit einer langen Liste, mit Dingen, die ich noch unbedingt erledigen muss.
Einige Leute haben Geburtstag; Karten sollten geschrieben und verschickt werden. Und dann ist da noch die Wohnung zu putzen, die Wäsche zu bügeln und ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin einzukaufen. – Und ich beginne zu träumen. Ich träume davon, dass sich die Dinge von selbst erledigen. Von der guten Fee, die mir all die beschwerliche Alltagslast wegnimmt. Ich träume davon, ruhig zu sitzen und eigentlich gar nichts zu tun. Aber, wo ist schon die gute Fee, wenn man sie mal braucht.
Kennen Sie diese Augenblicke? Tage, in denen man den Eindruck gewinnt, dass wir schon wieder auf dem Sprung sind und die nächste Aufgabe beginnen, obwohl wir doch eigentlich bei dieser einen Sache bleiben sollten. In solchen Augenblicken stürze ich mich mit dem mir eigenen Schlachtruf: „Gute Planung ist alles!“ in mein Chaos. Und es stimmt auch - wenn ich nach einer Liste, nach Wichtigkeit gegliedert arbeite, komme ich sehr oft sehr viel schneller zum Ziel. Aber mein Traum von Ruhe und Stille (das sind unterschiedliche Dinge) kommt sehr oft zu kurz.
Ich habe festgestellt, dass es trotz der Alltagslasten gut, ja sogar wichtig und notwendig ist, zur Stille zu finden. Einfach mal innezuhalten und zu entdecken, dass ich in der Stille Gott begegnen kann. David, der große König, der sicherlich oftmals nicht wusste, was er zuerst erledigen sollte, drückt die Begegnung mit Gott in der Stille so aus:
Auf Gott allein vertraue ich fest, denn von ihm kommt meine Rettung. Er allein ist mein Fels und meine Hilfe, meine Burg, in der mir nichts geschehen kann, … Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung. (Psalm 62, 2+3,6)
Worte, die Ruhe versprechen inmitten einer stürmischen Zeit, die wir gerade jetzt durchleben. Nicht nur in der Welt, auch in unseren Familien und manchmal auch in unseren Gemeinden, und auch in uns ist oft so viel Unruhe und Hektik. Die Erkenntnis, dass ich bei Gott zur Ruhe kommen kann, ist kein Traum, sondern kann Wirklichkeit werden.
Im hektischen Alltag habe ich erlebt, dass nicht durch eine gute Fee mein Traum von Ruhe Wirklichkeit wird. Ruhe, Hilfe und Hoffnung finde ich durch die Begegnung mit Gott, der mich kennt und liebt und genau weiß, was ich brauche. Er hilft mir, aufzuatmen, wenn ich am Ende von Kraft und Geduld bin. Er hilft mir, zur Ruhe zu kommen. Und dann darf ich, dürfen wir erleben, wie der Traum wahr wird und Gott uns in der Stille berührt; wie er uns begegnet; wie er durch so vieles zu uns spricht.
Das kann ein Wort aus der Bibel sein. Oder ein Liedvers. Eine freundliche Begegnung und eine liebevolle Umarmung. Das Staunen über die vor mir stehenden Frühlingsblumen. – Wie sehr wünsche ich uns, dass wir nicht nur äußere Stille erleben, sondern dass wir zur Ruhe kommen können und zulassen, dass Gott mit uns reden kann. Nicht, damit er uns neue Arbeit aufhalst oder wir uns in die nächste Aktivität stürzen, sondern damit er mir einmal sagen kann, wie sehr er mich liebt.
Machen wir doch mal ein Experiment: Lassen Sie uns mit nur wenig Zeit beginnen. Vielleicht fünf Minuten täglich, an denen wir kein Radio hören, kein Fernsehen laufen lassen; fünf Minuten, in denen wir das Telefon weit weglegen und das Handy abschalten; fünf Minuten, in denen wir still sind und unsere Herzen und Ohren auf Empfang geschaltet haben. Einfach in der Stille vor Gott sein. Nichts tun, nichts leisten. Einfach nur das sein, was ich bin: Gottes geliebte Tochter. Die in seiner Gegenwart zur Ruhe kommt.
Ich könnte mir vorstellen, dass wir diese Zeit der Stille nach und nach so wohltuend empfinden, dass wir sie verlängern und beginnen, aus diesen kurzen Augenblicken innerhalb unseres Tages Kraft für unseren Alltag zu schöpfen. Vielleicht werden wir auch feststellen, dass dieser Traum von Ruhe und Stille ja doch wahr werden kann.
Es wird Frühling. Wir sehnen uns nach Wärme und Sonne. Wir brauchen auch Entspannung und Ruhe für unsere Seele. Nehmen wir uns mal wieder Zeit für uns und für eine Begegnung mit Gott. Er verspricht uns Ruhe, Hilfe, Hoffnung - und wenn Gott das verspricht, ist das nicht nur ein schöner Traum. Nehmen wir ihn beim Wort und suchen wir Ruhe bei ihm.
Himmlischer Vater, wie oft bin ich im Alltag belastet mit vielen Dingen.
Vieles macht mir Arbeit, manches belastet mich.
Hab Dank dafür, dass mir Dein Wort Hilfe, Stille, Hoffnung verspricht.
Nicht nur einen kleinen Traum, sondern die Gewissheit, dass Dein Wort gilt.
Hab Dank für Deine Gegenwart, für Deine Liebe und Treue.
All das ist viel mehr, als ich zu träumen wage. Danke.
Amen
Meine Hoffnung und meine Freude (WortLaute, Liederheft zum Evangelischen Gesangbuch 78)
Andrea Weber
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)