Monatsandachten

Andacht Juni 2026

Ein neuer Anfang

Apostelgeschichte 16,8-15

Träume leben – wer wollte das nicht? Es gibt Beispiele dafür, dass Menschen ihre Träume erfüllt haben. Es gibt Ratgeber und Biographien. Sie machen Lust, den eigenen Traum zu verwirklichen. Es gibt aber auch die Geschichten von gescheiterten Träumen. Allen ist eines gemeinsam: Hier haben sich Menschen auf den Weg gemacht und ihren Traum in die Realität geholt. Ein fernes Ziel rückte näher und wurde erreicht. Wunderbar. 
Die modernen Medien, vom klassischen Ratgeber bis zu den Social Media, bedienen diese Welt, erzählen von denen, die sich Träume zu erfüllten und suchen Trost für die, denen es misslang. Kein Grund zum Aufgeben! Versuch es noch einmal. Die Welt ist voll von solchen Träumen und ihren Geschichten.

Welch Desillusionierung setzt ein, wenn ich mich mit dem deutschen Wort „Traum“ auseinandersetze. In den europäischen Sprachen gibt es ihn, etymologisch betrachtet, überall. In den Übersetzungen heißt es dann „Trugbild, Schein oder Gaukelei und nichts Wirkliches“. Schnell fällt mir die Redewendung ein: Träume sind Schäume. Gleichzeitig lese ich von erfüllten Träumen im Netz. Was stimmt denn nun? Ist der Traum ein Trugbild, etwas, das es nicht gibt, was ich nur erträume? Etwas, das mich nur verleiten und in die Irre führen wird?

Wie mag es da Paulus gegangen sein, der auch seine Träume hatte. Seine Vorstellungen von erfolgreichen Gemeindegründungen. Die waren zuletzt vor allem gescheitert. Nichts funktionierte so, wie er es wollte. Paulus läuft nervös hin und her; reist mal hierhin, mal dahin; weiß nicht, wohin mit sich selbst. Seine Unstetigkeit bringt ihn nach Troas. Ein Glücksfall, denn hier kommt die Antwort auf seine Frage „Was nun?“ Eines Nachts träumt er und dieser Traum ist so real, dass er sich am nächsten Morgen noch genau erinnern kann. Die Apostelgeschichte erzählt:

„Der Apostel sah einen Mann aus Mazedonien, der ihn bat: »Komm nach Mazedonien herüber und hilf uns!« Da war uns klar, dass Gott uns gerufen hatte, den Menschen dort die rettende Botschaft zu verkünden. Wir suchten sofort nach einer Gelegenheit zur Überfahrt.“ (Apostelgeschichte 9b-10a) 

In Philippi angekommen, treffen Paulus und seine Begleiter die Purpurhändlerin Lydia. Sie ist fromme Jüdin und führt eine kleine Hausgemeinde. Ihr Haus wird sehr schnell zur Kernzelle der christlichen Gemeinden in Europa. Einflussreich, vermögend, fromm, weltoffen. Diese Gaben sind der Nährboden für die erfolgreiche Mission in Europa. Vom Traum zur Wirklichkeit.

Was aber macht den Unterschied zwischen den Träumen des Paulus und diesem einen Traum des Apostels? Der nächtliche Traum war mehr. Der Traum war eine Vision. Gott nutzte die Gabe der Menschen zu träumen, um seinen Willen zu verkündigen. Das tut Gott häufiger. Die Bibel kennt Träume, mit denen Gott Perspektiven aufzeigt, politische Entwicklungen skizziert und vor Schicksalen warnt. Träume von Gott sind Kommunikation. Sie haben nichts mit dem eigenen Willen zu tun oder den Hirnaktivitäten, die uns unsere Ängste oder Wünsche verarbeiten lassen. 

Doch wie soll man das unterscheiden? Mit dem Bauchgefühl, mit der Versenkung in Meditation und Gebet? 

Ich lade Sie ein, ihre Meinung zu sagen: „Kann ich unterscheiden, welcher Traum aus mir herauskommt und welcher Traum Gottes Rede mit mir ist?“

Paulus war sicherlich froh nach all den Enttäuschungen eine Perspektive zu haben. Gott hatte einen Plan mit ihm. Da war er sich sicher. Ob Paulus dabei aus Erfahrung handelte, aus innerer Einkehr oder dem Bauchgefühl, wissen wir nicht. Vielleicht war im Hintergrund auch der Gedanke: „Mehr als schiefgehen, kann es nicht.“ 

Was also ist nötig, wenn es gerade nicht weitergeht? Zuerst aber das Eingeständnis: Ich muss mich neu orientieren. Das Vertrauen, dass Gott einen Plan hat. Stille, innere Einkehr, Nachdenken können helfen.

Paulus hat das zugelassen und wurde offen für Gottes neuen Auftrag. Um das zu verstehen, brauchen wir Zeit: Zeit für uns selbst, Zeit, um Löcher in die Luft zu gucken und Zeit, um sich für das Neue zu öffnen. Lass es zu, dass dir neue Aufgaben zuwachsen und alte vergehen. Manchmal bewegen sie einen ganzen Kontinent.
 

Gebet

Träume sind Schäume, sagt der Volksmund. 
Doch auch die Träume kommen von Dir, Gott. 
Du hast uns die Gabe zu träumen geschenkt. 
Mit Träumen können wir über unsere Grenzen hinausgehen, 
dein Wort vernehmen und Zukunft gestalten.

Schenke uns Träume, 
die uns begeistern und unser Engagement in der Welt stärken.
Schenke uns Träume, 
die in auswegloser Situation eine Perspektive eröffnen. 
Schenke uns Träume, 
die uns erinnern: Du bist Ursprung und Ziel unseres Lebens. 
Schenke uns Träume, 
die keine Schäume sind, sondern in Dir ihren Ursprung haben. 
Amen


Liedvorschläge

Vertraut den neuen Wegen (EG 395)


Jutta Grashof
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

 

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