Sie stecken unter einer Decke. Die drei Könige liegen – mit Krone, das gehört sich wohl so – in einem Bett. Eine große Decke haben sie über sich ausgebreitet. Sie liegen in königlicher Bettwäsche: Decke und Kissen sind genauso schön verziert wie ihre Kronen. Aber ob ihnen nicht eng ist?
Nun, der Platz auf dem Säulenkapitell in der Kirche St. Lazare in Autun ist begrenzt. Meister Gislebertus und seine Schüler schufen dieses Kunstwerk in Stein im 12. Jahrhundert. Sie verdichteten auf Säulenköpfen biblische Botschaften zu einprägsamen Szenen.
Aber welche Szene wird hier dargestellt? Betrachten wir sie einmal genau. Es ist der Moment, wo ein Engel mit seinem Zeigefinger den Ringfinger des einen Königs berührt und ihn dadurch aufweckt. Der König hat die Augen schon geöffnet, während die anderen Mitschläfer den Engel noch nicht bemerkt haben. Mit dem Zeigefinger der linken Hand weist der Engel auf einen Stern hin.
Wenn wir die Szene deuten wollen, müssen wir uns entscheiden, ob wir das Gewicht auf den Stern oder den Engel legen. Ein Stern war es, der die drei Weisen auf die besondere Begebenheit, die Geburt eines Königs im jüdischen Land aufmerksam machte (Mt 2,2). Daraufhin machen sie sich auf den Weg. Erst suchen sie am falschen Ort, am Hof des Königs in Jerusalem, dann leitet sie der Stern zum Stall. Insofern ist der Stern wirklich ein sehr wichtiger Protagonist in der Geschichte.
Der Engel kommt ganz am Ende der Erzählung ins Spiel, aber nur indirekt. „Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.“ (Mt 2,12) Für mich spricht alles für diese Szene. Einmal – bitte nicht lachen – weil die drei auf einem für Könige und vornehme Weise recht improvisierten Lager liegen. Ich stelle mir vor, dass sie im Stall („Haus“ sagt Matthäus) bei Maria, Josef und dem Jesuskind mit übernachtet haben. Quasi auf der Couch. Wenn sie den neugeborenen König doch nun endlich gefunden hatten, ist es doch naheliegend, dass sie nahe liegen wollten, also in der Nähe bleiben. Die beiden Könige mit geschlossenen Augen scheinen im Schlaf zu lächeln. Sie sind am Ziel.
Aber ihr Weg ist, so will es Gott, nicht am Ende. Sie bekommen einen neuen Auftrag. Wer sollte den Königen im Traum befehlen, wenn nicht ein Engel? Es stimmt schon, vom Engel und vom Stern ist am Schluss der Geschichte nicht mehr die Rede. Aber es ist ein schöner Gedanke, dass der Stern, der die drei nach Bethlehem leitete, sie auch weiter begleitet, vielleicht nur noch im Traum, aber immerhin. Mithilfe des Sterns gelingt es ihnen, „auf einem anderen Weg zurück in ihr Land zu ziehen“.
Wir sind am Anfang eines neuen Jahres. Welche Sterne werden uns in diesem Jahr leiten? Sind es gute Vorsätze oder neue Vorhaben und Pläne? Gibt es Leitsätze wie „Das möchte ich dieses Jahr einmal ausprobieren...“ Oder „Das soll mir dieses Jahr nicht passieren…“ Unsere Leitsterne für dieses neue Jahr können auch Wünsche an Gott sein: „Gib mir Gelassenheit / Stärke / Widerstandskraft in diesem Jahr...!“ Oder „Hilf mir, dies und das zu vollbringen.“
Wie die Könige den Stern mit in ihre Heimat nehmen,
verleihe auch uns, Gott,
dass wir deine liebevolle Gegenwart alle Zeit wahrnehmen.
Hilf uns, dass wir spüren können,
wie du uns auf unseren Wegen begleitest.
Gib uns Glauben und Vertrauen
in Jesus Christus als Leitstern unseres Lebens.
Amen
Dr. Katrin Stückrath
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr 2025/2026)
Wie schön leuchtet der Morgenstern (EG 70)
Anmerkung:
Im Pseudo-Evangelium des Matthäus ist es explizit ein Engel, der den Königen am Schluss der Geschichte den Hinweis gibt (PsMt17). Dieses Evangelium stammt aus dem 7. Jahrhundert n.Chr. Der Bildtypus der schlafenden Könige begegnet seit dem 9. Jahrhundert in Buchmalerei und Elfenbeinbildern der östlichen Kunst (vgl. Artikel „Drei Könige“ im Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 1, Freiburg 1968, Sp.548.)