Großmutter Selma kann den Tod voraussehen. Ab und zu erscheint ihr im Traum ein Okapi, jenes seltsame Tier aus dem Regenwald, das aussieht wie eine Mischung aus Zebra, Tapir und Giraffe. Und wenn Selma von einem Okapi träumt, dann stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird.
Mariana Leky erzählt in ihrem Roman „Was man von hier aus sehen kann“ von der jungen Luise, die von ihrer Großmutter Selma in einem kleinen Dorf im Westerwald großgezogen wird, in dem die Menschen aufeinander achten und sich Gutes tun. In warmherziger und humorvoller Weise beschreibt sie die skurrilen Charaktere und Eigenschaften der Dorfbewohnerinnen und -bewohner, die durch Selmas Traum in helle Aufregung geraten. Aus Angst, dass dies ihr letzter Tag sein könnte, versuchen sie in den folgenden 24 Stunden noch schnell alles in Ordnung zu bringen, was ihrer Meinung nach noch in Ordnung gebracht werden muss: ein Gespräch, das schon längst hätte geführt werden müssen; eine Beziehung, die noch bereinigt werden sollte; eine langjährige Liebe, die unbedingt noch gebeichtet werden will.
An diesem Buch hat mich besonders beeindruckt, wie Mariana Leky die Gegenwart des Todes beschreibt. Lachen und Weinen, Trauer und Freude sind eng miteinander verbunden. Auch wenn drei Personen sterben, die der Ich-Erzählerin Luise nahestehen, ist dieses Buch keineswegs dunkel oder traurig, sondern im Gegenteil: Es ist zuversichtlich und tröstlich und manchmal sogar komisch.
Die kleine Luise trauert zum Beispiel um ihren Freund Martin. Sie klammert sich mit ihren Armen und Beinen über mehrere Tage so fest an ihre Großmutter Selma, dass dieser keine andere Wahl bleibt, als mit Luise vor dem Bauch oder auf dem Rücken zu arbeiten und sogar zu schlafen. Dies ist eine ganz wunderbare Szene in dem Buch. Sie zeigt die tröstliche und schmerzheilende Wirkung, die die Liebe zwischen der Enkelin und ihrer Großmutter hat, bis beide wieder lachen können.
„Was man von hier aus sehen kann“ - der Titel dieses Buches macht deutlich, dass wir nur eine begrenzte Sicht haben. Wir sehen nur, was wir sehen wollen, und der Tod gehört in der Regel nicht dazu.
Auch die Jünger Jesu wollen nicht sehen und verstehen, was kommen wird, als sich Jesus kurz vor seinem Weg nach Jerusalem von ihnen verabschiedet. Er kündigt ihnen seinen Tod und seine Auferstehung an und sagt ihnen ihre Traurigkeit aber auch ihre Freude voraus: Noch eine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen. „Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll zur Freude werden. Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ (Johannes 16, 19.20+22)
In der Passionszeit richten wir unseren Blick auf den Leidensweg Jesu. Wir haben seinen Tod vor Augen, aber ebenso auch seine Zusage „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ (Joh 11,25) Im Vertrauen auf Jesus Christus, der den Tod überwunden hat, brauchen wir keine Angst vor dem Tod zu haben. Wir sehen mehr als vor Augen ist, denn die Liebe ist stärker als der Tod.
Guter Gott,
lass uns aufeinander achten und füreinander da sind,
lass uns Vielfalt als Bereicherung erleben
und auch denen mit Respekt begegnen, die andere Wege gehen.
Lass uns nicht in Angst verharren, sondern darauf vertrauen,
dass du uns nahe bist in guten und schweren Zeiten,
im Lachen und im Weinen, in Trauer und Freude.
Amen
Ach bleib mit deiner Gnade (EG 347)
Christine Kucharski
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)