Und Sie?
Sind Sie eher ein Hans-Guck-in-die-Luft oder jemand, der jeden Schritt sorgfältig prüft? Sehen Sie das Glas halb voll – oder rechnen Sie lieber mit dem Schlimmsten, um vorbereitet zu sein? Und wem vertrauen Sie mehr? Den visionären Persönlichkeiten oder den „Realos“?
Josef war ein Träumer. Und ein Traumdeuter. Er genoss die Bevorzugung durch den Vater - und bemerkte nicht die Eifersucht der Brüder. Im Festkleid das Wort im Text heißt eigentlich Prinzessinnenkleid) erzählte er offen von seinen großen Träumen. Ein gefährliches Spiel, das ihn fast das Leben kostete. Er landete im Brunnen – und später als Sklave in Ägypten.
Noch heute ist es gefährlich, wenn Männer sich in Frauenkleidern offen zeigen – queere Personen werden häufiger Opfer von Gewalt. Für viele ist es ein Albtraum, sich nicht frei und sichtbar zeigen zu dürfen. Für Josef wurde der Albtraum zur Wende.
Denn später, in Ägypten wird Josef Teil von Gottes Plan. Und Gott gedachte es gut zu machen. Nicht nur für Josef. Josef deutet den Traum des Pharao. Der träumte Folgendes:
„Sieben Ähren wuchsen aus einem Halm, voll und dick. Und siehe, sieben dünne Ähren gingen auf, die waren vom Ostwind versengt. Und die mageren Ähren verschlangen die sieben dicken und vollen Ähren. Da erwachte der Pharao und merkte, dass es ein Traum war.“ (1. Mose 41,5-7)
Sieben dicke Ähren – sieben magere Ähren.
Josef erkennt: Es kommen fette Jahre. Und dann dürre. Gott zeigt dem Pharao, was kommt.
Der Pharao bereitet sich vor. Er handelt klug. Die Vorräte retten nicht nur sein Volk – auch Flüchtlinge aus anderen Ländern finden Hilfe. Unter ihnen: Josefs Familie.
Spannend – hier kommt beides zusammen: große Träume von Freiheit und Leben in Fülle und realistische Vorbereitung auf den „worst case“, auf die schlechteste Möglichkeit. Das braucht es auch heute.
Lange wurde für Gleichstellung gekämpft – für Frauen, für queere Menschen. Es sah so aus, als sei vieles geschafft. Doch zunehmend wird zurückgedreht, was erkämpft war. Die Gefahr ist real: Die „Josefs und Josefines“ unserer Zeit werden wieder in dunkle Brunnen gestoßen. Da sind wir alle gefragt, das zu verhindern, die leisen Stimmen von Menschen zu verstärken, die ihre Rechte einfordern, aber nicht gehört werden. Denen eine Stimme zu geben, die verstummt sind. Gemeinsam werden unsere Stimmen laut, gemeinsam können wir uns zwischen die, die Böses wollen, und die dunklen Brunnen dieser Welt stellen.
Es braucht Mut, Voraussicht. Klugheit. Bewahrung.
Nicht in Vorratsspeichern – sondern in Gesetzen, in Bildungsarbeit, in den Medien, in den Herzen. Und vor allem in unseren Köpfen.
Ja, aus Vorsicht und vorausschauend müssen wir unsere demokratischen Rechte bewahren und schützen. Auch, weil uns ein großer Traum verbindet: Der Traum von Gottes neuer Welt. Unser Traum ist nicht naiv. Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung – das sind Gottes große Verheißungen. Und in diesem Traum haben alle Platz. Alle Geschlechter. Jede Herkunft. Menschen mit und ohne Behinderung. Alt und Jung.
Danke, Gott, für große Träume. Wir ernten sie in den Texten der Bibel, wir teilen sie miteinander in der Gegenwart und werfen sie als Hoffnungsanker in die Zukunft. Leben in Fülle für alle, für die Träumenden und die Realistischen, für uns heute und hier: Danke für Träume.
Guter Gott,
danke für die Fülle in unserem Leben: für Nahrung, Wohnung, Gemeinschaft.
Danke für die Ernte unseres Lebens – für all das, was uns trägt.
Und danke für die großen Träume, die du in uns pflanzt:
Für Gerechtigkeit und Frieden.
Für eine Schöpfung, in der alle leben können.
Lass die Träume Wirklichkeit werden – durch uns.
Behüte, was wir erreicht haben.
Stärke uns in dem, was noch fehlt.
Durch Jesus Christus, unseren Bruder.
Amen
Wir pflügen und wir streuen (EG 508)
Die Erde ist des Herrn (677)
Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen (EG 675)
Jeder Teil dieser Erde (EG 672)
Irene Diller
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)